Mann darf nichts

Ich habe gerade gelesen, dass Männer nichts mehr dürfen. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob man das so allumfassend sagen kann, weil mir fallen spontan sehr viele Dinge ein, die sie trotzdem machen, obwohl das doch angeblich jetzt verboten ist. Weinerliche Leitartikel über ihre beschnittenen Rechte schreiben zum Beispiel. Wurde der Autor schon verhaftet? Getötet? Oder noch schlimmer: kritisiert?

Was definitiv stimmt: Natürlich sind alle Männer verantwortlich für alles. Wenn ein Mann vergewaltigt, kann kein Mann behaupten, damit habe er nichts zu tun. Es gibt diese skandalös angeprangerte Kollektivverantwortung tatsächlich, denn jeder Mann kann sich täglich entscheiden: Trage ich diese sexistische, diskriminierende Gesellschaft stillschweigend mit oder beziehe ich diese ekelhaften Ungerechtigkeiten in mein tägliches Handeln mit ein? Lache ich, wenn die Kollegen über den Arsch der Praktikantin reden, nicke ich, wenn jemand sagt, Frauen sollen eben nicht alleine nachts unterwegs sein, weil es leichter ist, als zu diskutieren? Und vor allem: Gebe ich auch mal male privilege ab, um einer Frau ihren Weg überhaupt erst möglich zu machen? Sowas kommt nämlich von sowas.

(So nebenbei: Kollektivverantwortung ist etwas anderes als Pauschalverdacht. Aber das kann im hysterischen Tränenmeer natürlich schnell untergehen)

Würde allerdings eine Person, nennen wir sie Jens Jessen, einen antifeministischen Artikel in einer der größeren Zeitungen im deutschsprachigen Raum schreiben, würde das ganz und gar nicht helfen. Ein Typ (ja, TYP), der bei Themen wie Vergewaltigungen lieber „not all men“ anstatt „Was kann ich tun, dass so etwas nicht passiert?“ sagt, hat nichts größeres im Sinne als sein Ego zu trösten. Das Selbstmitleid der alten weißen Männer kennt keine Grenzen. Und dabei ist bitte festzuhalten: Weder weiß noch alt gelten im Allgemeinen als Schimpfwort. Früher mal war die Spezies der alten weißen Männer hoch angesehen, hatte sie doch genug Frauen hinter und unter sich, um nach außen hin zu glänzen. Doch seit einiger Zeit finden sich viele Frauen nicht mehr mit diesem Lakaien-Dasein ab und das ist für alle spürbar. Diese eigentlich sehr positive Entwicklung passiert kontinuierlich seit Jahrzehnten und genau so lange fühlt sich dieselbe Personengruppe davon bedroht. Die, die nichts anderes hat als ihr männliches Geschlecht und die Privilegien die es mit sich bringt. Das ist jetzt leider sehr klischeehaft, aber auch so offensichtlich wahr: Es ist die nackte Angst vor dem Verlust der kostenlosen Anerkennung, der garantierten Bevorteilung, die in Form von babyhaften Schlagzeilen wie „Nichts darf ich mehr“ zum Vorschein kommt und mit Kommentaren wie „Dieser Autor ist ein sehr ehrenhafter Herr!“ von anderen Panikern der alten weißen Duderia ihre Vollendung findet.

Männer, ALLE Männer, hört mir zu, das ist jetzt und immer zu tun: Privilegien wahrnehmen und verstehen. Kritik ertragen. Kritik von Frauen ertragen. Ertragen, dass sich im Feminismus nicht alles um die Gunst der Männer dreht. Und das Wichtigste: Einfach auch mal nichts sagen und Raum geben. Also Jens. Du darfst jetzt endlich mal etwas machen, ganz offiziell, mit garantierter Straffreiheit. Nämlich den Mund halten.

Gezeichnet
Möwi Möwingers

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Tweet von Nicole Diekmann,04. April 2018

Der bedrohte Mann, Jens Jessen, die Zeit, 04. April 2018 (Paywall)

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Die Dummen haben das Internet zerstört

Ich habe gestern gelesen, dass wir in einer Zeit leben, in der alles zu bequem zu erreichen ist. Andere Menschen, Musik, Literatur, Journalismus. Wegen des Internets nämlich. Vor einem Jahr hat der damalige Internetminister noch davor gewarnt, man müsse sich doch jetzt dringend auf das digitale Zeitalter vorbereiten. Meine E-Mail mit dem Vorschlag, man solle sich doch einfach mit Helm (die Frauen optional mit Pfefferspray) vor den Computer zu setzen, wurde leider nicht beantwortet. Jetzt ist es leider zu spät.

Die Dummen haben das Internet nämlich jetzt auch gefunden und gleich übernommen. Die, die nicht einmal Goethe kennen (das ist ein toter weißer Mann, der ausführlich über seine Faust geschrieben hat) oder den sehr guten Journalisten und Wissenschafter Florian Aigner, dessen Brillanz längst nach einem Titelblatt auf einem Hochglanzmagazin schreit.

Die Dummen fördern jetzt natürlich die anderen Dummen. Sie interessieren sich für Schminktipps und für Skateboardvideos und machen das Internet kaputt. Warum können die nicht einfach ein Glas Whiskey schwenken und zum Clarinet Concerto von Mozart die Augen schließen? Weil nur immer Katzenvideos zu schauen macht doch krank (nur immer Mozart zu hören nach der Logik übrigens auch). Diese Subjekte sind überfordert, ganz klar, sie sind ja dumm. Bei so viel Angebot kann sich der Mensch, der ja bekannterweise vom Affen abstammt, nur animalisch am stärksten Impuls orientieren, da ist kein Platz für eigene Entscheidungen und persönliche Vorliebe. Der Mensch interessiert sich nicht für etwas, er lässt sich berieseln. Es wird für ihn entschieden. Also der dumme Mensch.

Glücklich können sich diejenigen schätzen, die darüber stehen. Die Elite. Das sind die, die die Hochkultur unseres Landes noch am Leben erhalten, klassische Konzerte werden in Wien ja kaum mehr besucht. Es ist harte Arbeit, möglichst subtil nach unten zu treten. Theater, Film, Wissenschaft, es ist eigentlich egal worum es inhaltlich geht, die wirklich elitär gelobten Sachen haben eins gemeinsam: Sie sind sperrig und exkludierend. Erst wenn jemand sagt, dieses Buch zu lesen gleiche einem Kampf mit jedem einzelnen Wort, es sei kaum zu bewältigen, ist es geistvoll. Erst wenn die meisten die schrill erklingenden Töne für eine Sirene mit schwacher Batterie halten, ist es extraordinär guter Jazz. Eine bewährte Möglichkeit ist hier auch, einen Rundumschlag gegen alles Neue und Junge zu machen. Emojis zerstören die Kommunikation (stimmt nicht, sie verbessern sie, weil Emotionen zugänglicher werden), bitte nur mehr einheitlich Burgtheaterdeutsch reden, denn Sprache und Kreativität verträgt sich nicht, Hip Hop ist Vergewaltigungsmusik (vergleiche dazu den hochgeschätzten Erli Erlkönig: „Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; / Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt“, ja DAS ist wahre Kunst)  und am besten hört und liest und anerkennt man sowieso nur, was einmal alt, weiß und männlich war und mindestens 30 Jahre unter der Erde liegt. Außer Armin Wolf natürlich, lang und (mit der Nase) sehr sehr hoch soll er leben.

Breite Bereiche in der Comedy oder Popmusik sind darauf ausgelegt, möglichst viele Leute anzusprechen. Wenn sie das tatsächlich auch schaffen, ist ihr Ziel erreicht. Wer das Prädikat Nicht Genügend ausstellt, weil etwas genau das macht, was es vorgibt zu sein, dem geht es weniger um die Sache selbst als darum, sich davon und damit von der Masse abzuheben. Die Comedy von Mario Barth zeigt sexistische und stereotypische Tendenzen und das ist der Grund, warum sie schlecht ist. Nicht, weil er Stadien füllt. Das ist sein Job. Klimawissenschafter hingegen haben (leider) nicht die Begeisterung der Massen als Ziel, sondern die Verbesserung des Klimas. Die Leute erreicht dieses Thema nicht, indem man ihnen sagt, ihr seid zu wenig gebildet, zu faul, euch ist Klimwandel nicht wichtig genug. Wenn das funktionieren würde, hätten die Grünen jetzt die absolute Mehrheit im Parlament.

Die beste Wissenschaft ist übrigens die Physik, weil es da sehr viele Formeln gibt, die die meisten nicht verstehen. Diese Formeln als Hintergrundbild auf den sozialen Kanälen (die natürlich unter aller Würde sind mit ihren Blasen und Hetzkommentaren, aber irgendwie ist man doch dort, aber nur, um genau das klarzustellen), zeigt, man kennt sich einfach aus, so allgemein.

Stichwort soziale Medien. Ich bin ja nicht mehr dort. Ist mir zu tief alles.

Gezeichnet

Möwi Möwingers

 

Related Links: Macht dumme Menschen nicht berühmt! Futurezone, 03. April 2018